Marburg (red) – Erstmals verliehen wurde am Wochenende der Marburger Literaturpreis für Jugendliche. Im Rahmen des Marburger Lesefestes haben 18 Jugendliche eigene Kurzgeschichten eingereicht. Initiator Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies zeigte sich beeindruckt von der Vielfalt und der Tiefe der Beiträge, als er den Literaturpreis verlieh. Den ersten Platz belegte Alina Kalko, gefolgt von Julia Schümann und Linn Eckert.
„Die Texte zeigen eine beachtliche Originalität, Kreativität und vor allem Ernsthaftigkeit“, sagte OB Spies bei der Preisverleihung. „Allen Texten merkt man das Selbstbewusstsein an, mit dem eigene Erfahrungen, Überlegungen, Meinungen und Gefühle in Literatur umgesetzt werden.“ Auch schwierigen Themen haben die jungen Autorinnen und Autoren sich angenommen, etwa allgemeinen menschlichen Fragen von Liebe, Leben und Tod. Mit dem Literaturpreis wolle die Stadt junge Menschen fördern, die sich „freiwillig der Angst vor dem leeren Blatt Papier stellen“, so das Stadtoberhaupt. Denn: „Diese Menschen, das hat der Jugendliteraturwettbewerb schon jetzt bewiesen, haben etwas zu sagen, egal ob sie 13, 15 oder 18 sind. Und wir möchten, dass sie das in unserer Stadt tun – denn nur so können wir etwas von ihnen lernen“.
Im Siegbeitrag „Meine Geschichte“ von Alina Kalko ging es um den Tod eines Familienangehörigen. Der Text zeigt auf authentische und persönliche Weise, wie die Ich-Erzählerin in der Kurzgeschichte mit dem Verlust umgeht, wie sie trauert, die Frage nach der Schuld stellt und wie sie weiterlebt. „Die Geschichte ist originell und kreativ, spannend und berührend zugleich. Sie ist eine Mut-mach-Geschichte“, heißt es in der Jurybegründung.
Julia Schünemann hat sich in „Wach auf, wir sind da!“ mit dem Thema Flucht beschäftigt – genauer: mit der Flucht einer Familie aus Ostpreußen nach dem Zweiten Weltkrieg. „Die Geschichte ist sehr gut recherchiert, flüssig, dramatisch und stringent aus der Sicht einer 14-Jährigen erzählt“, lobte die Jury den Text.
In „Die Hölle des Löwen“ von Linn Eckert geht es um das Thema Mobbing. „Es geht um Verhaltenscodex, um Moral und die Frage der Verantwortung des eigenen Tuns“, so die Jury. Der Text greife aktuell und authentisch viele Themen aus der Welt junger Menschen auf ohne sie zu werten. Und besonders beeindruckend: „Die Hölle des Löwen“ spielt mit der Täter- und Opferrolle und kehrt sie zuweilen auch um.
Verliehen wurde der erste Marburger Jugendliteraturpreis im Cineplex. Stefan Piskorz vom Hessischen Landestheater Marburg las die Geschichten vor, denen immer wieder Momente der Stille folgten. Studentinnen der Sprechwissenschaften trugen Texte rund um das Thema Literatur vor – etwa über das erste Buch, das das Herz eines Lesenden erreicht.
Der Marburger Literaturpreis für Jugendliche wurde erstmals Ende 2018 für alle Schülerinnen und Schüler an Marburger Schulen ausgelobt. Er ist neuer Bestandteil des jährlich stattfindenden Marburger Lesefestes. Initiiert wurde der Preis vom Oberbürgermeister Spies, für die Organisation sind das Marburger Lesefest und der Fachdienst Kultur verantwortlich.
18 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren sind im Herbst dem Literaturpreis-Aufruf gefolgt und haben ihre Kurzgeschichte eingereicht. Eine dreiköpfige Fachjury hat über die Vergabe der ersten drei Plätze entschieden. Die jugendlichen Gewinnerinnen erhielten für Bücher, Kino, Konzerte und anderes im Wert von 300 Euro für den ersten Platz, 200 Euro für den zweiten Platz und 100 Euro für den dritten Platz. Weitere Geschenke gab es bei der Preisverleihung für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer. „Leider konnten nicht alle tollen Geschichten prämiert werden“, sagte Jurymitglied Dr. Christoph Becker. Auch er zeigte sich von der Ernsthaftigkeit der Texte beeindruckt: „Ich habe in Ihrem Alter viel mehr Blödsinn geschrieben“, sagte er zu den jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.
In der Fachjury saßen Dr. Christoph Becker, Friederike Könitz und Hermine Geissler. Der Marburger Autor und Mitarbeiter beim Fachdienst Kultur Dr. Christoph Becker schrieb zahlreiche Romane unter dem Pseudonym Daniel Twardowski sowie historische Literatur- und Theaterstücke. Friederike Könitz ist Sprech- und Medienwissenschaftlerin und Mitarbeiterin bei der Jugendförderung der Stadt, wo sie unter anderem als Jugendbildungsreferentin die Leitung des Kinder- und Jugendparlaments innehat. Hermine Geißler, stellvertretende Vorsitzende des Vereins Schreibwerkstatt Marburg, schreibt seit 1996 Gedichte, Erzählungen und Kurzgeschichten, die in zahlreichen Anthologien veröffentlicht wurden.

 

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (r.) gratuliert den Trägerinnen des Marburger Jugendliteraturpreises Alina Kalko (vorne v.l.) und Julia Schünemann. Ebenfalls gratulieren Birgit Peulings vom Marburger Lesefest (v.l.) sowie die Jury Dr. Christoph Becker, Hermine Geissler und Friederike Könitz. Foto: Patricia Grähling, Stadt Marburg