Bäckerinnung feiert doppeltes Jubiläum

 

Giessen (wf). Die Bäckerinnung Gießen konnte ein großes Jubiläum feiern. Sogar ein doppeltes. Der Termin fiel eigentlich schon ins Jahr 2017, aber aus organisatorischen Gründen wurde die Festivität in das laufende Jahr verschoben, wie Innungsobermeister Walter Kwartnik erklärte. 400 und 510 Jahre lauten die beiden Daten, die es zu würdigen galt. Vier Jahrhunderte ist die Bäckerlade alt, eine in allerbestem Zustand befindliche Holztruhe, die ihrem Platz in den Räumen der Kreishandwerkerschaft Gießen gefunden hat. Und im Jahre 1507 erscheint erstmals eine schriftliche Erwähnung der Bäckerzunft Gießen in den alten Akten des Stadtarchivs. Gute Gründe für eine würdige Feier im Hotel „Steinsgarten”.

Zwei Programmpunkte prägten den Abend: ein anlassbezogener Vortrag von Gießens Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake zum Bäckerwesen in der Stadt Gießen im Laufe der vergangenen acht Jahrhunderte sowie der Auftritt des Gießener Originals „Schlammbeiser” alias Axel Pfeffer. Dessen unnachahmliche, humoristische Art in Vortrag und Auftreten begeisterte und beeindruckte das Publikum. Am Ende seines Ausflugs in die Stadtgeschichte mit Fokus auf die mittelalterlichen Aufgaben des Schlammbeisers, dessen Dienste sich auch die Bäckerzunft bediente, ernannte Axel Pfeffer – selbst seit einem Jahr Träge des Bundesverdienstkreuzes – den langjährigen Obermeister der heimischen Bäckerinnung, Walter Kwartnik (Kersselbach), zum „Ehren-Schlammbeiser”, eine spezielle Gießener Auszeichnung, die bisher nur wenige Male vergeben wurde.

Im Jahre 1464 wird mit Conz von Wiske der erste Gießener Bäcker mit Namen in den Annalen erwähnt. Und auch der wohl älteste Grabstein auf dem Alten Friedhof verweist ebenfalls auf einen Jost Becker. Sein Grabmal ziert eine Brezel. Jener Jost Becker wird in einigen historischen Schriftstücken erwähnt. Er wohnte vor der Selterspforte. Und auch sein Sohn Melchior Becker hat noch das Bäckerhandwerk ausgeübt und wird 1564 und 1566 als einer der beiden Gießener Bürgermeister genannt. Spuren des Bäckerhandwerks finden sich dann in vielen weiteren Schrifttücken.

Die Aufsicht über die verschiedenen Handwerke oblag der Stadt. Sie regelte die Tätigkeitsbereiche für die einzelnen Berufe durch die Aufstellung entsprechender Ordnungen. So regelte die Gießener Backordnung von 1543 beispielsweise das Verhältnis zwischen Handwerk und Kundschaft und bezog sich sowohl auf zünftige als auch unzünftige Vertreter des Bäckerhandwerks. Von Seiten des Handwerks war die Organisation in Form der Bäckerzunft wohl eine Antwort auf die Regelungszuständigkeiten der Stadt, so eine Überlegung von Stadtarchivar Brake. Zu verstehen als Versuch, durch Selbstbindung eigene Standards zu setzen, zum Beispiel bezüglich de Qualität der Backwaren, um auf diese Weise die Regelungseingriffe der städtischen Obrigkeit zu bremsen oder gar unnötig zu machen.

Die zünftige Organisation diente darüber hinaus natürlich auch der Abgrenzung nach außen sowie dem Schutz der eigenen Mitglieder vor un- oder außerzünftiger Konkurrenz, der sozialen Absicherung und gegenseitigen Hilfeleistung unter den Bäckermeistern. Diese Organisationsform in einer eigenen Zunft kann man in Gießen ab dem Jahr 1507 fassen, weil aus genau diesem Jahr die erste – oder besser gesagt: die erste bekannte – Zunftrechnung im Stadtarchiv vorliegt.

Bedeutung und Einfluss des Zunftwesen gingen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Einfluss Napoleons verloren. In der Folge entstand eine Art Vakuum, das auch als solches erkannt wurde. Die Zünfte waren aber nicht mehr reanimierbar. An ihre Stelle traten dann ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Innungen, zu denen sich auf freiwilliger Basis die Handwerker ihres jeweiligen Berufsstandes zusammenschlossen. Im Falle der Gießener Bäcker war das im Jahr 1884 der Fall. Am 21. Juni jenes Jahres nahmen 34 Kollegen an einer Bäckermeisterversammlung teil, von denen 25 sofort der neuen Bäckerinnung Gießen beitraten. Zum Gründungsobermeister wurde August Noll gewählt. Ein Jahr später bereits trug die Innung mit einer Spende von 500 Mark zum Bau der „Herberge zur Heimat” dazu bei, die sozialen Aufgaben der Stadt Gießen zu unterstützen.

Stadtarchivar Brake wies auf die anders geartete Organisationsform der Innung hin, dennoch seien wesentliche Inhalte früherer Zunftordnungen auch in den Innungen erhalten geblieben, die bis in die Gegenwart hinein fortwirken und zum Tragen kommen: Freundschaft, Bruderschaft, Einmütigkeit, Hilfeleistung und Solidarität im Falle von Notlagen.

1939 gehörten 168 Bäckereibetriebe in Stadt und Kreis Gießen der Bäckerinnung an, 1946 waren es 146, 1972 noch 116, zehn Jahre später „nur” noch 84. Der Abwärtstrend bei den Mitgliederzahlen setzte sich auch nach dem 100-jährigen Innungsjubiläum 1984 kontinuierlich fort. Im Jahr 2018 hat die Bäckerinnung Gießen noch insgesamt 19 Mitglieder. Gründe sind das Aufkommen der Supermärkte, aber auch die Probleme kleiner Handwerksbäckereien, den Betrieb an die nächste Generation weiterzugeben. In den letzten 20 Jahren liegen die Betriebsschließungen weit überwiegend in der Tatsache begründet, dass Übernahmeregelungen nicht verwirklicht werden konnten. Dieser Trend konnte im Lebensmittelhandwerk bisher nicht gestoppt werden und betrifft neben den Bäckern auch die Fleischer.

Die Bäckerinnung Gießen wurde seit ihrer Gründung in 1884 von 13 Obermeistern geführt: August Noll (1884-1888), Friedrich Hennings (1884-1900), Peter Pfeiffer (1900-1909), Valentin Frey (1909-1911), August Deibel (1911-1916), Wilhelm Löber jun. (1916-1934), Wilhelm Schomber (1934-1936), Ludwig Ihring (1936-1945), Otto Krebber (1945-1948), Hermann Post (1948-1972), Philipp Lange (1972-1984) und Rudolf Traxel (1984-1997). Seit dem 4. Mai 1997 steht Bäcker- und Konditormeister Waler Kwartnik an der Spitze der Bäckerinnung Gießen. Dem Vorstand gehören im Jahr 2018 weiter Bernd Braun (Gießen) als stellvertretender Obermeister sowie Georg Lambertz (Gießen) und Peter Seidl (Krofdorf-Gleiberg) an.

Der aktuelle Vorstand der Bäckerinnung Gießen: (v. l.) Bernd Braun, Peter Seidl, Walter Kwartnik und Georg Lambertz.                                                                                                                                                     Fotos: Ewert

 

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