„Behandlungsfehler – was kann ich tun?“

 

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Gießen (red). Ärztliche Behandlungsfehler sind gar nicht so selten. Doch, was kann man tun, wenn man denkt, dass man davon betroffen ist?
Viele Fragen stellten unsere Leserinnen und Leser bei der Telefonaktion zum Thema „Medizinrecht“ der Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht Anita Faßbender.

Hier ein Beispiel. Ein Anrufer schilderte folgenden Sachverhalt:
Bei ihm wurde eine Darmkrebsfrüherkennung durchgeführt. Bei der Darmspiegelung wurde ein Polyp mit einer Elektroschlinge abgetragen. Nachdem die Sedierung nachgelassen hatte, fuhr er nach Hause. Er fühlte sich soweit gut. Nachmittags traten erstmals Bauchschmerzen auf, die anhielten. Am darauffolgenden Tag hatte er Fieber. Daraufhin nahm seine Ehefrau telefonisch zu dem behandelnden Arzt Kontakt auf. Eine Wiedervorstellung in der Praxis wurde nicht vereinbart. Gegen das Fieber sollte er Paracetamol einnehmen. Am nächsten Tag suchte er seinen Hausarzt auf, der ihn umgehend stationär in ein Krankenhaus einwies. Dort wurde eine Perforation des Dickdarms mit eitriger Peritonitis festgestellt. Am selben Tag sei noch eine notfallmäßige Operation durchgeführt worden, bei der ein Teil des Darms entfernt worden sei.

Antwort: Der Anrufer solle über den Verlauf der Behandlung und die Ehefrau solle über das Gespräch mit dem Arzt ein Gedächtnisprotokoll anfertigen.
Ferner sollten die Behandlungsunterlagen des Arztes, der Vor- und Nachbehandler sowie des überweisenden Hausarztes einschließlich Kopie des Überweisungsscheines angefordert werden. Es wäre zu klären, ob eine Indikation für die Darmspiegelung bestand, ob der Anrufer ordnungsgemäß über die Risiken einer Darmspiegelung aufgeklärt worden sei, ob die Durchführung und Nachsorge korrekt verlaufen sei.

Gedächtnisprotokoll
Aus der Perforation könne nicht ohne Weiteres auf einen Behandlungsfehler geschlossen werden. Eine Darmperforation infolge einer Abtragung von Polypen stelle eine typische Komplikation dar, die auch bei größtmöglicher Sorgfalt nicht sicher vermieden werden könne.

Bei Anwendung von Hochfrequenzstrom erfolge die Perforation auch häufig erst zeitlich verzögert. Diese müsse daher nicht während des Eingriffes entstanden und vom Arzt bemerkt worden sein. Es sei ferner zu klären, welchen Inhalt das Gespräch zwischen der Ehefrau und dem Arzt genau gehabt habe und welche Partei beweisbelastet sei. Die bloß telefonisch angeordnete Gabe eines fiebersenkenden Medikamentes gehöre wahrscheinlich nicht zu dem medizinischen Standard. Unterstellt der Eintritt des dem Eingriff immanenten Risikos sei nicht vermeidbar gewesen, sei fraglich, ob dem Anrufer eine Operation auch einen Tag früher nicht erspart worden wäre. Zu prüfen wäre weiter, ob dann gleichwohl ein Teil des Darms reseziert und eine primäre Anastomisierung vorgenommen worden wäre. Die Behandlung der Peritonitis wäre wahrscheinlich auch bei einer früheren Operation identisch gewesen.

Fraglich sei ferner, ob eine Beweiserleichterung zugunsten des Anrufers unter dem Gesichtspunkt eines Befunderhebungsfehlers in Betracht komme. Dies wäre nur dann der Fall, wenn sich bei korrekter Befunderhebung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ein reaktionspflichtiger Befund gezeigt hätte. Ob eine Beweiserleichterung eingreife sei seine juristische Fragestellung, die erst nach Erstellung eines medizinischen Sachverständigengutachtens beantwortet werden könne. Nach Sammlung der notwendigen Informationen, sollte daher ein Sachverständigengutachten mit gezielter Fragestellung in Auftrag gegeben werden.

 

Wir bedanken uns bei der Teilnehmerin für die finanzielle Unterstützung dieser Informationsveranstaltung.

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