Bei Behandlungsfehlern nicht einfach, zu seinem Recht zu kommen

 

Gießen (red) – Die Krankenkassen haben im vorigen Jahr mehr Behandlungsfehler festgestellt als 2014. Der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes der Krankenkassen stellte Anfang Mai 2016 in Berlin aktuelle Zahlen vor, wonach die Gutachter 2015 genau 14.828 Vorwürfen nachgingen. In 4.064 Fällen bestätigten sie den Verdacht des Patienten. Dies entspricht knapp einem Viertel der angezeigten Fälle. 2014 wurden noch 14.663 Verdachtsfälle untersucht und 3.796 Behandlungsfehler bestätigt.

Die meisten Vorwürfe, knapp 7.700 wurden im Zusammenhang mit Operationen erhoben. Ein Drittel der Fälle bezogen sich auf orthopädische Behandlungen und die Unfallchirurgie. Danach folgten die Allgemeinmedizin und andere Fachärzte und am Ende die Pflege mit fünf Prozent der Vorwürfe. Die Fehler gehen den Angaben zufolge je zur Hälfte darauf zurück, dass Behandlungen gar nicht oder zu spät erfolgten oder ein Eingriff mangelhaft war.

Aus den hohen Zahlen in der Chirurgie lässt sich jedoch nicht schließen, dass dort im Vergleich zu anderen Sparten in der Medizin und Pflege die meisten Behandlungsfehler unterlaufen. Sie sind dort nur am leichtesten zu erkennen oder zu vermuten.

Für den betroffenen Patienten ist es bei Verdacht eines Behandlungsfehlers nicht einfach zu seinem Recht zu kommen, denn die Beweismittel hält der Verursacher zu 100 Prozent des Fehlers in der Hand.

Am vergangenen Donnerstag nun, stand anlässlich unserer Leser-Telefonaktion unsere Expertin im Arzthaftungsrecht, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht, Anita Faßbender, rede und Antwort. Die Patientenanwältin mit langjähriger Erfahrung in der Regulierung von Schadensersatzansprüchen nahm sich viel Zeit, um auf die besorgten Fragen der Anrufer einzugehen. Hier ein Beispiel:

Ein Anrufer aus dem Kreisgebiet schilderte seinen Fall Wegen Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in das linke Bein und Massenprolaps LW 4/5 sollte bei ihm ein Eingriff an der Wirbelsäule durchgeführt werden. Es wurde der Zwischenwirbelraum ausgeräumt und eine Neurolyse F5 links: vorgenommen. Nach der folgenden Anschlussheilbehandlung stellte er sich wegen starker Rückenschmerzen noch einmal bei dem Neurochirurgen vor. Es wurde ein weiteres MRT angefertigt, das erste war vor dem Eingriff gefertigt worden. Die Beurteilung lautete, Zustand nach Bandscheiben-OP in Höhe LW 3/4, Bandscheibenvorfall bei LW 4/5. Das Segment LW 4/5 wurde in einer anderen neurochirurgischen Klinik operiert. Er ist der Auffassung, dass die Operation an LW 3/4 nicht notwendig gewesen sei und fragt: „Was kann ich jetzt tun?“

Antwort von Rechtsanwältin Faßbender: Die Operation LW 3/4 war möglicherweise medizinisch nicht indiziert. Zudem könne man davon ausgehen, dass diese OP ohne seine Einwilligung erfolgt sei. Fraglich sei, ob der Patient über Alternativen, Risiken und andere Behandlungsmethoden aufgeklärt worden sei.

Ferner wäre zu prüfen, ob intra- und postoperative Röntgenkontrollen vorgenommen wurden. Möglicherweise fehlerhaft sei intraoperativ keine Höhensicherung an der Lendenwirbelsäule vorgenommen worden. Angesichts des deutlichen Bandscheibenvorfalls im Sinne eines Massenprolaps bei LW 4/5 und einem nicht entsprechenden pathologischen Korrelat bei LW 3/4 hätte intraoperativ die Höhe mittels Durchleuchtung überprüft werden müssen. Ob dies geschehen sei, sei zu klären. Die Operation einer falschen Bandscheibenhöhe sei vermeidbar, wenn man die konventionelle präoperative Röntgendiagnostik berücksichtigen, intraoperativ Diskrepanzen zur Bildgebung korrekt einschätzen und eine intraoperative Höhensicherung mittels Durchleuchtung vornehmen würde. Letztlich müssten die aufgeworfenen Fragen nach Sichtung der Behandlungsunterlagen evtl. mit weiteren Fragestellungen mit einem medizinischen Sachverständigen erörtert werden.

 

Wir bedanken uns bei Faßbender Rechtsanwälte für die finanzielle Unterstützung dieser Informationsveranstaltung.

 

Foto: Thorben-Wengert_pixelio.de

 

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