„Kinder aus der Klemme“ will helfen

 

Von Petra Arndt

Mittelhessen (red) – Leonies Eltern haben sich getrennt. Vier Jahre ist das schon her, und alle, die Großeltern, ihr Onkel, der damals noch recht große Freundeskreis und vor allem die heute Neunjährige hatten gehofft, dass die Trennung den ständigen Streitereien, den gegenseitigen Vorwürfen und Anschuldigungen ein Ende setzen würde. Eigentlich kann sie sich nicht mal daran erinnern, dass Mama und Papa sich jemals einfach so unterhalten haben. Die Eltern ihrer Freunde schaffen das doch auch, denkt sie sich. Die unternehmen was miteinander, lachen sogar, reden miteinander, ganz ohne sich anzuschreien oder tagelang nur zu schweigen. Jetzt, da ihr Vater ausgezogen ist, ist es fast noch schlimmer als zuvor, denn nun soll sie sich dauernd entscheiden, wo sie lieber ist – dauernd soll sie Partei ergreifen und will doch keinem von beiden wehtun.

Wenn in Familien ein regelrechter „Rosenkrieg” entbrannt ist, geraten die Kinder fast immer in seelische Not. Sie selbst und ihre Bedürfnisse geraten oft völlig aus dem Blick der Eltern. „Kinder aus der Klemme”, heißt daher ein Gruppenangebot des Albert-Schweitzer-Kinderdorfes Hessen e.V., das nach erfolgreicher Durchführung in Hanau nun auch vom ASK in Wetzlar für den Lahn-Dill-Kreis angeboten wird. Vorbild ist das gleichnamige Multi-Familien-Therapie-Konzept von Justine van Lawick, das nach einer mehrjährigen Erfolgsgeschichte aus Holland unter anderem in Bremerhaven und Leipzig praktiziert wird.

“Kinder aus der Klemme” will den Kindern wieder eine Stimme geben, ihre Bedürfnisse zurück ins Alltagsbewusstsein ihrer Eltern bringen. Das Erkennen von Handlungsalternativen in schwierigen Situationen ist ebenso das Ziel wie die Befriedung von Streitigkeiten unter Einbeziehung der sozialen Netze beider Familien.

“Wir sprechen hier nicht über den fast schon alltäglichen Vorgang einer ordentlichen Trennung oder Ehescheidung, die ohnehin fast immer mit Trauer und Leid verbunden sind. Hier geht es um hochkonflikthafte Trennungen, die sich unter Umständen schon über Jahre hinweg ziehen und in manchen Fällen bereits stapelweise Gerichtsakten füllen”, verdeutlicht Petra Kiehl, MFT-Projektleiterin. Hier sei das Maß gegenseitiger Kränkung und Verletzung derart hoch, dass die Gefühlsebene jegliche Vernunft ausgeschaltet habe, versucht Christian Scharfe, Einrichtungsleiter familienorientierter Bereich des ASK Wetzlar zu erklären. Dennoch handele es sich in den meisten Fällen um völlig “normale” Menschen, die fälschlicherweise oft davon überzeugt seien, dass ihre Kinder gar nichts von den Problemen mitbekommen.

Ein andauernder Loyalitätskonflikt auf einem Kriegsschauplatz
Dabei entwickelten diese Kinder psychische und physische Auffälligkeiten: Sie können sich in der Schule nicht konzentrieren, ziehen sich zurück oder wirken aufgedreht oder aggressiv, klagen über Kopf- oder Magenschmerzen, kränkeln oft. Am belanstendsten sei für die Kinder bereits getrennter jedoch nicht befriedeter Eltern der Spannungsbereich zwischen den Lebensbereichen der beiden Elternteile, befinden sie sich doch in einem andauernden Loyalitätskonflikt, werden für die psychologische Kriegsführung der Eltern eingespannt, als Spitzel, Handlanger oder Bote benutzt. “Hat deine Mutter einen neuen Lebenspartner?” “Hat dein Vater auch gesund gekocht?” “Richte deiner Mutter / deinem Vater dieses oder jenes aus.” Treffen die Elternteile aufeinander, läuft dies entweder lautstark oder sogar handgreiflich ab, oder es herrscht ohrenbetäubendes Schweigen.
“Diese Eltern können keine Rücksicht mehr nehmen oder Mitgefühl empfinden. In dieser Situation hat das Kind kaum eine Überlebenschance, ohne klar eine Seite zu beziehen”, so Petra Kiehl.
Erst die Gruppenarbeit öffne diesen Eltern die Augen gegenüber dem Leid, dass sie verursachen. Und für diese Arbeit gibt es einen festen Zeitrahmen und klare Regeln – eine große Hilfe angesichts der qualvoll unbeständigen Ausgangssituation.

Gemäß dem erfolgreichen Konzept der Multi-Familien-Therapie nehmen jeweils sechs Familien an dem Gruppenangebot teil. Zu Beginn erfolgt ein verbindliches Vorbereitungstreffen für beide Elternteile mit Kindern, innerhalb dessen zwei der speziell ausgebildeten Therapeuten jeweils Einzelgespräche mit den Elternteilen über die derzeitige Situation mit allen Problemen führen, dessen Inhalt im Anschluss sachlich und detailliert dem jeweils anderen vorgestellt wird. Der nächste Termin ist ein Netzwerkabend für Verwandte, neue Partner, Freunde und andere beteiligte Unterstützer der Familie. Hier werde vor allem deutlich gemacht, dass zum einen kein Versuch unternommen werde, die Eltern etwa wieder zu verkuppeln, zum anderen, wie wichtig die Unterstützung dieses – in vielen Fällen inzwischen beklagenswert kleinen – Netzwerkes für die Therapie ist.

Dem schließen sich acht je zweistündige Sitzungen über einen Zeitraum von vier bis fünf Monaten an, in denen Eltern und Kinder in parallel laufenden Gruppen getrennt arbeiten. Pausen werden – ohne Streitigkeiten – gemeinsam verbracht. Das Besondere am Multi-Familien-Therapieansatz sei dabei, dass die Eltern einander helfen, Erfahrungen teilen, die eigenen Fehler im Spiegel des Fehlverhaltens der anderen identifizieren können und Verhaltensalternativen erlernen. Die Therapeuten nehmen dabei kein Blatt vor den Mund. “Man muss die Streitenden manchmal auch bändigen”, stellt Petra Kiehl klar. Der zweite Lehrmeister er Eltern sind ihre Kinder, die erstmals vom Gefühl befreit werden, Partei ergreifen zu müssen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt präsentieren die Kinder, die parallel zu den Elterngruppen in deren Sichtweite getrennt von diesen schonend betreut werden, beispielsweise mit Bildern oder Puppenspiel ihr Erleben der Streitsituation, etwa wenn schon der Gang durchs Treppenhaus von der Wohnung der Mutter zur Wohnung des Vaters oder umgekehrt Übelkeit verursacht – manchmal sei es ein regelrechter Schock für die Eltern, wenn ihnen klar werde, was sich da manchmal seit Jahren in ihren Kindern abspiele.

“Dieser völlig neue Zugang, der durch den Austausch auf Augenhöhe mit anderen Betroffenen und durch den Perspektivenwechsel in die Position des Kindes erzielt wird, macht den Eltern einerseits klar: “Anderen geht es genauso”. Andererseits macht es sie endlich wieder handlungsfähig, um sich und ihre Kinder aus der Streitsituation zu befreien, endlich klare Verhältnisse zu schaffen”, so Christian Scharfe.

 

Wenn in Familien ein regelrechter „Rosenkrieg” entbrannt ist, geraten die Kinder fast immer in seelische Not.
Foto: Archiv/dmitrimaruta

 

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