Wohin bringt ihr uns?

 

Kovacs Auszeit 01

Ein regenverhangener Vormittag. Nass der Asphalt, es ist windig. Eine Haltestelle an der niemand aus- und niemand einsteigt. Daneben zieht ein originalgroßes Modell eines grauen Busses meinen Blick auf sich: Zweigeteilt in der Mitte, 70 Tonnen schwer, begehbar und aus Beton gegossen. Ich stehe auf dem Rathenauplatz in Frankfurt. Was ich mit Erschütterung betrachte, soll erinnern: An die „Grauen Busse“ der „GeKraT“, der „Gemeinnützigen Krankentransportgesellschaft“ mit denen 1941 über 1.000 Menschen der Stadt nach Hadamar in den Tod gefahren wurden: „Lebensunwertes Leben“. Im Inneren des Mahnmals eingeschrieben die überlieferte Frage eines Mannes, der mit einsteigen musste „Wohin bringt ihr uns?“ Wie bange steht das da. Ein Atemhauch ungewisser Angst. Und mit dem was ich sehe, was ich lese, tritt sie neben mich: „Meine Auszeit“ an diesem Morgen. Und stellt mich auf einmal abseits von meinem Vorhaben, von dem, was mir gerade eben noch durch den Kopf ging, Sie bringt die Schaufensterbilder zum Verblassen und schiebt das Alltägliche beiseite und in den Hintergrund. Jetzt, im November, unwirtlich, nebelverhangen, ein Zuhause für so inhaltsschwere Tage, muss ich wieder daran denken. Am 9. November die Erinnerung an die Reichspogromnacht, am kommenden Sonntag der Volkstrauertag. Dann der Buß- und Bettag, der Totensonntag; Wenn ich nach dahin so frage: „Wohin bringt ihr uns?“, bekomme ich diese Antwort: Zum Innehalten. Zum Stillewerden. Zum Nachdenken. Zum Gedenken.

Gute Gedanken dort wünscht Ihnen

Ihr Hans Peter Kovacs
Pfarrer i. R. aus Dreihausen

 

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